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Transnationale Unternehmen gehören ins Herz der gesellschaftlichen Debatte

© Armée du Salut, Mission et développement

Chantal Peyer ist Teamleiterin Ethisch
Wirtschaften bei Brot für alle.

Das Erstarken des Populismus in den USA, in Frankreich und anderswo offenbart die Zukunftsängste zahlreicher BürgerInnen. Dadurch zeigt sich auch das Bedürfnis, sich wieder eine Zukunft zu eröffnen, handlungsfähig zu sein und Einfluss auf die relevanten politischen und wirtschaftlichen Entscheide zu nehmen. Kurz: das Erstarken des Populismus zeigt die Notwendigkeit, die Bürgerdebatte zurückzugewinnen. Diese Debatte bildet den Sockel, auf dem die Demokratie ruht, und sie stand vor mehr als zwei Jahrhunderten am Ursprung der wichtigsten Gesetzeserlasse, die zu sozialen Fortschritten führten.

Dieser Artikel von Chantal Peyer wurde in Praxis N°4 veröffentlicht.

Heute gibt es einen Bereich, der sich dieser Debatte zu oft entzieht – sowohl in den reichen wie in den armen Ländern: die transnationalen Unternehmen. Noch nie in der Geschichte der Menschheit haben diese Unternehmen so viel Reichtum konzentriert wie heute. Mit einem Umsatz von mehr als 27,6 Billionen Dollar – fast das Doppelte des BIP der Vereinigten Staaten – kontrollieren die 500 weltweit grössten Unternehmen einen beachtlichen Teil der Weltwirtschaft (Zahlen 2015). Die Geschäfte dieser Unternehmen wirken sich enorm auf das Alltagsleben der Bevölkerung in Entwicklungsländern aus, sei dies auf steuerlicher Ebene, auf dem Arbeitsmarkt, bei den Menschenrechten oder der Umwelt. Und im Normalfall sind diese Auswirkungen negativ. Nehmen wir zwei Beispiele. Im Mai dieses Jahres publizierte Brot für alle einen Bericht über die Aktivitäten von Holcim­Lafarge in Uganda. Diese Studie zeigt, dass das Schweizer Unternehmen während zehn Jahren von Kinderarbeit in den Puzzolan­Minen profitiert hat. Bereits im April 2014 hatte eine andere Studie aufgezeigt, dass das Zuger Rohstoffunternehmen Glencore trotz Sanierungsversprechen weiterhin den Fluss Luilu in der Demokratischen Republik Kongo verschmutzt. In diesem Fluss sind Fauna und Flora infolge der hohen Schwermetallbelastung zerstört, und das Wasser kann nicht einmal mehr zum Abwaschen benutzt werden.

Einführung einer Sorgfaltspflicht

Angesichts dieser Missbräuche hat eine Koalition von mehr als 80 Schweizer Nichtregierungsorganisationen und Verbänden im Oktober 2016 die Konzernverantwortungsinitiative eingereicht. Das Volksbegehren lanciert eine Bürgerdebatte zur sozialen Verantwortung der Unternehmen. Verlangt wird die Einführung einer Sorgfaltspflicht gegenüber der Umwelt und zur Einhaltung der Menschenrechte auch im Ausland. Eine solche Pflicht entspricht anerkannten internationalen Standards, und im Schweizer Recht existiert sie bereits im Bereich der Korruptionsbekämpfung. Die Wirtschaftslobbys schreien aber schon Zeter und Mordio und beteuern, die Anwendung freiwilliger Leitlinien reiche aus, um Menschenrechtsverletzungen durch Schweizer Firmen im Ausland zu reduzieren. Mit anderen Worten: «Keine Sorge, die Wirtschaft regelt sich ganz gut selber . . .» Doch die Lobbys liegen falsch: Mit der Verweigung einer gesellschaftlichen Debatte nähren sie nur den Populismus. Und sie verpassen die Gelegenheit, sich einer offenen und visionären Diskussion für die Welt von morgen zu stellen.

 

Chantal Peyer
Teamleiterin Ethisch Wirtschaften bei Brot für alle.